100 Jahre

Schulhaus Ergaten

Die Schulhauseinweihung

Die Einweihung des Ergatenschulhauses war für Frauenfeld offensichtlich ein grosses Ereignis: alle Schüler Gross-Frauenfelds, die Behörden der neuen Stadtgemeinde wie der alten Ortsgemeinden, ja die ganze Stadt war an den Feierlichkeiten beteiligt, die den ersten Oktobersonntag 1921 vom Mittag bis zum Eindunkeln in Anspruch nahmen.

Trommelwirbel am frühen Morgen verkündeten, dass das Fest – trotz unsicherem Wetters – wirklich abgehalten werde. Mittags um 12 Uhr versammelten sich die Teilnehmer des grossen Festumzuges hinter dem Promenadenschulhaus. Die Reihenfolge war auf Handzetteln mitgeteilt und in der Zeitung veröffentlicht worden, damit alle 1384 Teilnehmer ihren richtigen Platz fänden. Kostümierte Reiterei eröffnete den Zug, der sich vom Bärenplatz (Platz am Holdertor) durch die Freie Strasse und die Erchinger Strasse (heute Zürcherstrasse) bis zur «Traube» im Langdorf, sodann im Kontermarsch zurück zum Schloss und durch die Ergatenstrasse hinaus zum neuen Schulhaus bewegte. Jede der 21 Frauenfelder Schulklassen trug einen Triumphbogen, dazwischen folgten immer wieder kostümierte Gruppen: «Krieger aus der Zeit, da man noch keine Schulhäuser brauchte, Landsknechte, denen in ihrer Jugend das ABC buchstäblich mag eingebläut worden sein, eine Schar Baumeister, so feierlich, als gälte es, einen gotischen Dom zu errichten, (…) und Trommler in altertümlicher Pracht.» Eine Gruppe stellte den Auszug einer Ferienkolonie auf dem Nollen  dar; das lebendige Stadtwappen, das «Läuli mit em Fräuli», marschierte mit, und das junge Fräulein, dessen Name genau das Gegenteil ihrer hübschen Erscheinung bedeutete, hatte alle Mühe, das ungebärdige Wappentier zu zügeln. Hinter der Stadtmusik und den Tambouren gingen die Schulbehörden und Ehrengäste im Schritt, die Kadettentambouren sorgten für das Marschtempo im hinteren Bereich, und zu guter Letzt beschloss die Feuerwehr den bunten Reigen. «Unter dem tüchtigen Dirigentenstabe» des Lehrers Emil Lemmenmeyer stellten sich die Schüler zum Gesamtchor vor dem Hauptportal der neuen Anlage in der Ergaten auf. Architekt Scheibling überreichte dem Baukommissionspräsidenten Brenner den bekannten symbolischen Schlüssel, dieser gab ihn mit begleiteten Worten dem Schulpräsidenten weiter. In den Reden wurde betont, dass der Neubau nötig geworden sei, weil die Sekundarschule mehr Platz brauche – die Zahl der Schülerinnen dort war eben auf über 100 angestiegen. Er sei aber auch zur richtigen Zeit in Auftrag gegeben worden, da damit der Arbeitslosigkeit gegengesteuert und dem Bauwerk Beschäftigung gegeben werde. Und schliesslich sei er auch am richtigen Platz erstellt worden, weil dieses Quartier sich ganz besonders schnell entwickle. Dekan Meier schloss seine Ansprache mit den feierlichen Worten: «Ich weihe das neue Haus unsern Söhnen und Töchtern, die von der Lehrerschaft, die ihrer hohen Aufgabe gewachsen sein möge, (darin unterrichtet werden,) der ganzen Schulgemeinde und vor allem diesem Quartier, das über ihm wachen und es in treue Obhut nehmen wird; dem Vaterlande, denn in diesem Hause soll auch die Liebe zum angestammten Volk und zur Heimat genährt und gefördert werden. Und ich weihe es Gott, dem Geber aller guten Gaben, auf dass nie der Tag erscheine, da Gottesfurcht in diesen Räumen und in den Herzen unserer Kinder keine Stätte mehr habe.» Mit einem allgemeinen Gesang der Schüler schloss die Feier vor dem Ergatenschulhaus. Der Festzug formierte sich erneut und marschierte durch die Stadt zur neuen Festhütte in den Reutenen. Auf der davor liegenden Wiese traten die Knaben ab der vierten Klasse unter der Leitung von Oberturner Theophil Gimmi zu Freiübungen an. Ebenso hohe Anerkennung fand der «gefällig-einfache Reigenaufzug der Mädchenscharen» bei der «dankbar zuschauenden Landsgemeinde». Der Berichterstatter der «Thurgauer Zeitung» verglich dann den Anlass mit der Einweihung des Spannerschulhauses im Jahre 1879, als man ein grosses vaterländisches Schauspiel aufführte. Er beurteilte es als zeitgemäss und folgerichtig, dass man diesmal mit Massenübungen, Massenreigen und Massenchören sinnfällige Gesamtwirkungen erzielen wollte. Nach diesen Strapazen – die Schüler aus den Aussengemeinden waren schon seit manchen Stunden auf den Beinen – wurde die Gesellschaft in der Festhütte mit Wurst, Brot und Tee verpflegt. Danach «schwangen die Kinderstimmen nochmals frei und leicht von der Bühne durch den Raum; und als mit einem mal die Abendsonne ihren goldenen Schein auf die jubilierende Kinderschar warf, da war es wie die Bestätigung des Segens, den die Redner draussen auf der Ergaten über sie herabgefleht hatten, und es wurde einem ordentlich warm ums Herz.» Dr. Kreis wandte sich in einer Rede an die grosse Menschenmenge in der Festhütte. Tosenden Beifall fand ein Glückwunschtelegramm, das Bundesrat Heinrich Häberlin aus Bern an seine Frauenfelder Mitbürger richtete. «Es neigte sich der laue Abend eines schönen, frohen Herbsttages», als der Festzug sich nochmals bildete und den Heimmarsch zum alten und nun in den «sekundären Rang gerückten» Promenadenschulhaus antrat. Hier sprach Pfarrer Lötscher «in seiner bekannten launigen Art, voll von Schalk und Humor», ein letztes Wort an die Schülerschar. Mit seiner Ankündigung, dass am andern Morgen die Schule ausfalle, habe er «manche Müdigkeit aus jugendlichen Augen und Füssen verscheucht. Ende gut, alles gut.» Während in den Augen des Berichterstatters im «Wächter» das «liebe Fest unserer Jugend ein schönes, wirklich harmonisches Ende» nahm, fand sich der Verfasser des Artikels in der «Thurgauer Zeitung» zu dem Nachsatz veranlasst: «Nur eines gibt zu denken: die Mädchen überwiegen an Zahl das starke Geschlecht ganz gewaltig. Da wird einem im Hinblick auf das nun unfehlbar kommende Frauenstimmrecht doch etwas unbehaglich.»